Taichung und Abschied Taiwan
Monique
6/13/2026
Eigentlich hatten wir für unsere letzten Tage in Taiwan noch große Pläne. Mit dem Mietwagen geht es in die Berge, um durch Nebelwälder zu wandern und die berühmten Sonnenaufgänge erleben. Doch manchmal entscheidet das Wetter, dass eine Reise eine andere Richtung nimmt.
Direkt beim Verlassen der Autovermietung beginnt es zu regnen. Nicht ein bisschen Nieselregen, sondern richtiger Starkregen. Vorher mussten wir noch die Formalitäten erledigen. Den Mietvertrag bekommen wir ausschließlich auf Mandarin vorgelegt. Als ich den freundlichen Mitarbeiter anschaue und scherzhaft sage: „Ich hoffe, ich verkaufe mit meiner Unterschrift nicht eine meiner Nieren“, kam seine Antwort blitzschnell: „Keine Sorge, wir sind hier nicht in China.“ Das hat mich herzhaft zum Lachen gebracht.
Wir machen uns auf den Weg Richtung Alishan Nationalpark. Die Straße schlängeln sich in unzähligen Serpentinen die Berge hinauf. Immer wieder öffnen sich kurz grandiose Blicke ins Tal, während Nebelschwaden und Wolken über die Berghänge ziehen. Selbst im Regen ist die Landschaft beeindruckend. Am Abend sitzen wir bei einem einfachen taiwanesischen Essen mit einem Paar aus Singapur im Raum. Die Frau erzählt uns, dass es bereits den gesamten Tag geregnet hat und sie gar nichts unternehmen konnten. Da ahnen wir noch nicht, dass uns eine ähnlich nasse Nacht bevorsteht.
Wenig später erscheint auf unseren Smartphones eine Warnmeldung: Gefahr von Erdrutschen, auf mögliche Evakuierungen vorbereiten. Mit dieser Nachricht in der Hand stehe ich wenige Minuten später bei unserer Gastgeberin. Auch sie hat die Warnung erhalten. Ihre Reaktion ist erstaunlich entspannt.
„Das ist normal“, sagt sie. Und ich denke mir: Für sie vielleicht. Für uns definitiv nicht. Erdbeben, Taifune, giftige Schlangen oder Bäume: all das gehört hier offenbar zum Alltag. In Köln stehen solche Dinge nicht auf der Tagesordnung.
Die Nacht verläuft entsprechend unruhig. Der Regen prasselt ohne Unterbrechung auf das Dach unserer Holzhütte. So viel Niederschlag haben wir beide noch nie erlebt. Es ist laut, beeindruckend und ehrlich gesagt auch beängstigend. Laut taiwnesischen Wetterdienst sind 350 Liter pro qm in 24h gefallen. Zum Vergleich: bei der Ahrtalflut waren es 150 Liter pro Qudaratmeter in 24h.
Am nächsten Morgen regnet es weiter. Unsere Gastgeberin erzählt uns, dass der Alishan-Nationalpark gesperrt ist. Auch der berühmte Zug durch die Wälder fährt nicht mehr. Sie bietet von sich aus an, die nächsten Tage zu stornieren. Sie meint, dass es vielleicht besser wäre, die Berge zu verlassen. Als wir die Wettervorhersagen für unsere weiteren Ziele in den Bergen prüfen, wird schnell klar: Das ist kein kurzer Wetterumschwung. Für die kommenden 10 Tage ist weiterhin Starkregen angekündigt.
Also treffen wir eine Entscheidung, die uns zunächst schwerfällt. Wir stornieren sämtliche Unterkünfte in den Bergen und brechen unsere Pläne ab. Glücklicherweise zeigen sich alle Gastgeber aufgrund der Wetterlage äußerst verständnisvoll und wir haben keine Stornierungskosten.
Stattdessen fahren wir nach Taichung im Westen Taiwans, wo die Berge zwar weiterhin präsent sind, das Wetter aber etwas freundlicher sein soll. Gleichzeitig entscheiden wir uns, unsere Weiterflüge um fünf Tage vorzuziehen. Das kostet natürlich was, weil wir vom Mietwagen nichts zurückbekommen und auch eine Flugumbuchungsgebühr zahlen. Das zahlen wir aber gern, wenn wir uns dafür nicht tagelang über das Wetter und verpasste Chancen beklagen müssen.
In Taichung regnet es auch und daher verbringen wir einen Großteil des Tages in Innenräumen. Das Highlight des ersten Abends ist ein Kinobesuch. Auf dem Programm steht „The Mandalorian & Grogu“. Für mich ist das tatsächlich eine kleine Weltpremiere, denn ich habe noch nie zuvor einen Star-Wars-Film im Kino gesehen. Noch besser: Wir haben den gesamten Saal für uns allein. Offenbar sind englischsprachige Vorstellungen mit chinesischen Untertiteln in Taiwan nicht die größte Attraktion.
Am nächsten Tag erkunden wir zunächst den Botanischen Garten. Dort sind in einem Aquarium insbesondere die Fische Arapaima und Gamitana-Scheibensalmler interessant. Nicht nur die Namen sind es, sondern auch ihr Aussehen. Riesengroße Fische, die aus einer anderen Zeit zu stammen scheinen.
Anschließend besuchen wir das Kunstmuseum. Dort läuft eine Ausstellung zum Thema Krieg und gesellschaftliche Bedrohungen, welches u.a. am Computerspiel "Battlefield" veranschaulicht wird. Das ist gerade in Taiwan, wo die politische Lage in Bezug China allgegenwärtig ist, ein spannendes Thema. Die militärischen Spannungen bedeuten z.B., dass China Unterseekabel Taiwans zerstört.
Später spazieren wir noch zum Nationaltheater. Besonders beeindruckend finden wir die moderne Architektur und die Aussicht von den oberen Ebenen über die Stadt. Und natürlich trinken wir auch noch ein paar Mal Bubble Tea mit leckeren Tapiokaperlen, solange wir noch in den Genuss kommen können.
Nahe Taichung besuchen wir auch das Earthquake Museum. Im September 1999 hat ein Erdbeben der Stärke 7,5 die Gegend so stark verwüstet, dass man sich entschieden hat, eine Schule in ihrem zerstören Zustand zu belassen. Dadurch wird sichtbar, wie sehr sich die tektonischen Platten bewegen und Kräfte freigesetzt werden. Es gibt es auch derzeit quasi jeden Tag Erdeben, jedoch nur bis Stärke 4, was wir nicht spüren. Was wir spüren, ist der Erdbebensimulator, der genau diese 7,5 simulieren soll. Dabei sitzen wir auf dem Boden und einer Couch und können das Erdbeben nachempfinden. Schon in diesem geschützen Rahmen empfand ich die Bewegungen als beängstigend.
Unsere letzte Nacht in Taiwan wollen wir bereits in der Nähe des Flughafens verbringen und wählen dafür einen kleinen Ort mitten im Nichts. Bei schönem Wetter wären meine Vorstellungen für den letzten Abend bestimmt super aufgegangen. Zu Gast bei Einheimischen und nicht das Überangebot einer Großstadt. Es kam aber anders. Durch den Starkregen sind in dem kleinen Ort die Restaurants bereits geschlossen, als wir los wollen, und so landen wir ganz unprätentiös an unserem letzten Abend in Taiwan bei 7Eleven mit Mikrowellenessen und Fensterplatz mit Blick auf den Starkregen.
Am nächsten Morgen regnet es zum Start in den Tag mal nicht und wir können draußen frühstücken. Wir sehen ein wenig die Berge und glauben naiv, das wird so bleiben. Wir sind schon losgefahren und mir fällt ein, dass ich mich nicht erinnern kann, wohin ich meinen Heatit (Stick fürs Smartphone, um Mückenstiche nicht mehr jucken zu lassen) gepackt habe, denn er ist nicht da, wo er sonst ist. Und ich hatte ihn abends noch genutzt. Wir fahren zurück zur Unterkunft und die Gastgeber suchen sogar mit mir im Müll zusammen. Aber kein Heatit zu finden. Für mich ist das tatsächlich der Super-Gau. Nach Smartphone und Pass, ist der Heatit das Wichtigste. Er ist nicht ersetzbar, da es auch kein vergleichbares Produkt hier) gibt.
Auf dem Weg zum Fo Guang Shan Buddha Museum setzt der Starkregen wieder ein und wir schleichen über die Straße. Es ist eine der größten religiösen und kulturellen Stätten Taiwans und besteht u.a. aus acht markanten Pagoden und einer monumentalen, sitzenden Buddha-Statue aus Bronze. Innen befindet sich u.A. ein liegender Buddha aus weißer Jade. Die Besonderheit ist eine Zahnreliquie vom Begründer des Buddhismus. Für einen Blick in die Zukunft ziehen wir jeweils ein Glückslos und die Mitarbeiterin erkennt Stephans Inhalt bereits an seinem Lächeln, denn genau das steht auch auf seinem Glückslos.
Die letzten beiden Tage in Taiwan werden wir von extremen, sintflutartigen Regen begleitet und wir fühlen uns in unserer Entscheidung bestätigt. Dennoch fühlt sich unsere vorzeitige Abreise irgendwie auch unvollständig an. Taiwan ist das Land der hohen Berge. Diese nun verpasst zu haben, stimmt uns auch traurig.




















































Neben all dem Erlebtem werden uns auch die kleinen Dinge in Erinnerung bleiben: die kostenlosen Wasserspender, die man nahezu überall findet. Das unkomplizierte Nahverkehrssystem, bei dem eine einzige EasyCard für Busse, Bahnen und teilweise sogar Eintrittsgelder genutzt werden kann. Die vielen Tempel, die scheinbar an jeder Straßenecke stehen. Insgesamt sollen es fast 12.000 im Land sein.
Auch kulturell hat Taiwan uns immer wieder überrascht. Wir befinden uns hier offiziell nicht im Jahr 2026, sondern im Jahr 115 des Minguo-Kalenders. Ich bin nach dieser Rechnung übrigens Jahrgang 71. Die Zeitrechnung ist bei Regierungsdokumenten, Verträgen oder auf amtlichen Stempeln weiterhin gebräuchlich.
Überall spüren wir den chinesischen Einfluss und gleichzeitig wirkt Taiwan offen, international und modern. Eine spannende Mischung.
Auffällig ist die starke Bargeldnutzung. Während wir in vielen Ländern fast alles digital bezahlen, klimpern hier regelmäßig Münzen und Scheine über die Ladentheken. Über die Ladentheke geht auch jedes Mal ein Lottoschein mit dem Kassenbon zurück. Jeder Kassenzettel bei Einkäufen im Supermarkt oder beim Bäcker sind automatisch ein Lotterielos, da der Staat damit die Steuererfassung fördert. Der Hauptgewinn kann bis zu NT$ 10 Millionen betragen. Dafür gibt es extra eine App, in der man nachschauen kann, ob das Los gewonnen hat. Da die nächste Ziehung erst Ende Juni sein wird, werden wir keine Millionen kassieren.
Die zahlreichen ausgeschilderten Luftschutzräume erinnern immer wieder daran, dass die geopolitische Situation nie ganz aus dem Alltag verschwindet. Dafür, wie in vielen asiatischen Ländern, gibt es in vielen Straßen keine Fußwege. Ganz zu schweigen von mobilitätseingeschränkten Menschen.
Taiwan ist für uns eine spannende Mischung aus China, Japan und gleichzeitig etwas ganz Eigenem. Ein Land voller freundlicher Menschen, beeindruckender Natur und überraschender Begegnungen.

