Unsere Woche in Seoul: traditionell, modern, überraschend

Monique

5/2/2026

Nachdem wir spät abends in unserer Wohnung im Studentenviertel Hongdae von Seoul angekommen sind, starten wir unseren ersten Morgen ganz entspannt mit einem Frühstück in einer kleinen Bäckerei um die Ecke. Schon auf diesem kurzen Weg wird deutlich: Seoul fühlt sich anders an als Tokio: Dreckiger, lauter, westlicher.

Unser erster Besuch führt uns zum Gyeongbokgung Palast. Für diesen Anlass leihe ich mir einen Hanbok, die traditionelle koreanische Kleidung. In dem farbenfrohen Gewand durch die weitläufige Palastanlage zu spazieren, macht mir Spaß und lässt mich auch ein wenig in eine andere Zeit eintauchen. Zwischen kunstvoll bemalten Hallen, Innenhöfen und Toren wird die Geschichte der Joseon-Dynastie lebendig.

Seoul zeigt sich uns aber nicht nur traditionell, sondern auch von seiner hochmodernen Seite. Im Stadtteil Gangnam, spätestens seit dem gleichnamigen Song weltweit bekannt, prägen Hochhäuser, Luxusgeschäfte und Shoppingmalls das Bild. Mitten in diesem geschäftigen Viertel liegt der ruhige Bongeunsa-Tempel, für uns eine kleine Oase. Direkt gegenüber steht die COEX Mall. In ihr beeindruckt eine futuristische Bibliothek, deren Regale sich 13 Meter in die Höhe erstrecken.

Abends erkunden wir unser Veedel Hongdae, das bekannt für seine junge, kreative Atmosphäre ist, näher. Straßenmusiker, kleine Boutiquen, Bars und Restaurants machen Hongdae zu einem der lebendigsten Orte der Stadt. Die Straßenmusiker sind zum Teil wohl sogar ein wenig berühmt und präsent auf Youtube.
Aber auch tagsüber fühlen wir uns hier sehr wohl. Insbesondere der Gyeongui Grünstreifen durch unser Veedel ist eine Gründe Oase mit kleinen Lädchen und Restaurants. An einem Abend probieren wir auch das erste Mal Korean BBQ. Zum Glück mit Hilfe von Angestellten, denn die richtige Reihenfolge beim Braten von Fleisch und Gemüse ist wichtig.

Auch weitere historische Orte hinterlassen Eindruck. Der Changgyeonggung Palast mit seinem Secret Garden bietet eine ruhige, fast poetische Atmosphäre. Warum der Garten geheim ist, erschließt sich uns jedoch nicht. Dafür haben wir Glück und können einen Auftritt von Sangmo nori, einem traditionellem koreanischen Tanz, bei dem ein Akteur einen besonderen „Sangmo“ Hut mit langen bunten Papierstreifen kreisend über den Kopf schwenkt, während er dazu trommelt und sich rhythmisch bewegt, miterleben.

Auf dem Gwangjang Market tauchen wir mitten ins kulinarische Leben der Stadt ein. Hier wird gebrutzelt, geschnippelt und serviert. Wir essen neben Tteokbokki (Reiskuchen) auch scharfes Schweinefleisch. Unsere Geschmacksknospen merken den Unterschied sofort. Sowieso müssen wir uns in die koreanischen Küche erstmal einfinden.

Eine beeindruckende Form von Stadtgestaltung erleben wir am Cheonggyecheon Kanal. Dieser Fluß war einst komplett überbaut von einer Autobahn und stark verunreinigt. In einem aufwendigen Prozess wurde der Fluss wieder freigelegt und in einen attraktiven, 10km langen Kanal gefasst. Auch wenn es bei unserem Spaziergang geregnet hat, sind wir begeistert von diesem Ort, denn man fühlt sich als ob man durch die Natur läuft und schaut dabei auf die Hochhäuser, die vom Fluss aus noch höher wirken. Seoul hat sich in 60 Jahren von einer armen Stadt zu einer modernen Metropole entwickelt und dies sehen wir auch städtebaulich.

Ebenfalls ein architektonisches Highlight ist der Dongdaemun Design Platz. Auf dem Gelände eines ehemaligen Stadiums wurde die weltweit größte atypische 3D-Struktur mit einer Metallverkleidung, die je nach Lichteinfall ihre Farbe ändert, gebaut. Jedes Jahr kommen 10 Millionen Besucher:innen zu diesem beeindruckenden Gebäude, wie wir finden zu Recht.

Im Jongmyo Shrine erleben wir einen bedeutenden konfuzianischen Ahnenschrein und auch ein kurzes Musical über Königin Inwon aus dem Jahr 1703. Das Musical zeigt neben dem Ritual, insbesondere die Beziehung zwischen der Königin und ihrem Vater. Mit der Simultanübersetzung über Google, konnten wir die Geschichte der Königin zumindest halbwegs verfolgen.

Was uns in Seoul besonders auffällt, ist die enorme Kaffeekultur. Cafés gibt es an jeder Ecke, oft stilvoll gestaltet und mit kreativen Spezialitäten. Ob Einspänner, Matcha-Kreationen oder Kokosnuss. Der neueste Trend: Ube, eine violette Wurzel aus den Philippinen, die inzwischen auch in Südkorea ihren Weg in Getränke und Desserts gefunden hat. Mir hat diese Kreation auf jeden Fall geschmeckt. Meinen geliebten Matcha gibt es zum Glück weiterhin. Und natürlich gibt es zu der großen Kaffeeauswahl auch jede Menge Kuchen für den süßen Zahn.

Überhaupt begegnen uns immer wieder kleine kulturelle Besonderheiten. In vielen -meist älteren Gebäude-Aufzügen fehlt zum Beispiel die Zahl 4. Stattdessen steht dort ein „F“. Der Grund ist Aberglaube: Die koreanische Aussprache der Zahl 4 klingt ähnlich wie das Wort für Tod.

Auch digital läuft hier manches anders. Google Maps ist in Südkorea nur eingeschränkt nutzbar und daher für uns Reisende nicht hilfreich. Stattdessen greifen alle auf Naver Map zurück. Hintergrund sind Sicherheitsbedenken: Hochauflösende Kartendaten von Google sollen nicht unkontrolliert nach Nordkorea gelangen.

Auffällig ist auch, dass Smartphones noch präsenter im Alltag sind. Teure faltbare Geräte, die bei uns nur selten zu sehen sind, sind hier allgegenwärtig. Gleichzeitig fällt uns der durchweg stilvolle Kleidungsstil auf. Ob jung oder alt, Männer wie Frauen legen hier großen Wert auf ihr Äußeres. Dazu passt, dass Südkorea als Vorreiter in Sachen Kosmetik und Hautpflege gilt. Viele Innovationen sind Europa wohl bis zu 20 Jahre voraus. Doch dieser Fortschritt hat auch seine Schattenseiten: Der gesellschaftliche Druck, perfekt auszusehen, ist sichtbar. Schönheitsoperationen sind weit verbreitet und deutlich erschwinglicher als in Deutschland.

Ein besonders eindrücklicher Tag führt uns an die Korean Demilitarized Zone, kurz DMZ. Ganz wichtig für den Besuch: unsere Reisepässe. Diese werden dann auch mehrfach kontrolliert. Dort besichtigen wir unter anderem den dritten Infiltrationstunnel der Nordkoreaner, der 73 Meter unter der Erde verläuft. Von Aussichtsplattformen aus blicken wir mit Ferngläsern nach Nordkorea. Wir sehen Flaggeschütze, Dörfer, Menschen zu Fuß oder auf Fahrrädern. Es ist ein seltsam naher und doch unerreichbarer Blick in eine andere Welt. Es ist streng verboten ein Foto von der Landschaft aufzunehmen. Ich mache trotzdem schnell eins von den Wegweisern. Auf einen Weg zur Aussichtsplattform habe ich auch ein Straßenschild mit dem Namen der nordkoreanischen Hauptstadt fotografiert. Es ist sehr befremdlich, dass der nächste nordkoreanische Ort nur 22 Kilometer entfernt ist, und trotzdem keiner hinfahren darf. Als Souvenier kaufe ich mir dann noch noch einen der neueren Geldscheine aus Nordkorea.

Besonders bewegend ist das Gespräch mit einer Frau, die 2015 gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem Sohn aus Nordkorea geflohen ist. Ihre Geschichte gibt dem Besuch eine ganz persönliche und emotionale Dimension. Sie berichtet davon, dass Nordkoreaner statt eines Lohns lediglich Lebensmittelrationen erhalten. Ein System, das seit Jahren immer schlechter funktioniert und viele Menschen großen Hunger leiden.

Mit Blick auf meine eigene DDR-Geschichte, berühren mich die Trennungen der koreanischen Familien sehr, auch wenn unsere Familie dies nicht persönlich ertragen musste.

Nordkorea ist für Südkorea zugleich einziger direkter Nachbar und größter Gegenspieler. Viele politische Entscheidungen, gerade in Bezug auf Sicherheit und Kontrolle, werden mit der Bedrohung aus dem Norden begründet und von vielen Südkoreanern auch mitgetragen. Lieber eine Sicherheitskamera mehr und etwas weniger Freiheit, scheint oft die Haltung zu sein.

Gleichzeitig verändert sich der Blick auf die Teilung. Die Generation, die ein vereintes Korea noch persönlich erlebt hat, ist inzwischen weitgehend verstorben. Für jüngere Generationen gibt es somit keine familiäre Verbindungen in den Norden mehr. Eine Wiedervereinigung ist für viele heute kein Herzenswunsch mehr, sondern sie stellen sich vor allem die Frage: Wer soll das bezahlen?

Wie auch in anderen Großstädten nehmen wir an einer Walking Tour teil, die bei der Statue von König Sejong startet. Neben tollen Orten, die wir besuchen, wie z.B. das Bukchon Hanok Dorf mit seinen alten Gebäuden und Dächern, erzählt uns unser Guide vieles über das Land und bringt es uns dadurch näher. Insbesondere die harten Regelungen in der Arbeitswelt erschrecken uns. Mit 49 Jahren werden die meisten Mitarbeitenden von den Unternehmen entlassen, weil man der Meinung ist, dass die Älteren nicht so produktiv sind, wie die Jüngeren. Das führt dazu, dass viele Ü50-jährige sich dann selbstständig machen oder im Niedriglohnsektor landen. Somit leben mehr als 40% der Menschen im Rentenalter in relativer Armut. Damit ist Südkorea trauriger Spitzenreiter der OECD-Länder.

Zum Mittagessen wird uns ein Restaurant für Ginseng-Hühnersuppe empfohlen. Euphorisch bestellen wir das Gericht und sind mehr als überrascht, dass wir jeweils ein ganzes Huhn in einer Brühe bekommen. Wir sind dann doppelt überrascht, als wir merken, dass das Huhn mit Reis, Knoblauch und getrockneten Datteln gefüllt ist. Richtig überzeugen konnte und das Essen allerdings nicht.

An unserem letzten Abend in Seoul fahren wir zur Regenbogenbrücke am Han River. Hier gibt es nämlich jeden Abend eine Springbrunnenfontäne. Sie ist als die weltweit längste Brückenfontäne im Guinness-Buch der Rekorde eingetragen.
Die Wassershow haut uns nicht so vom Hocker, aber die Stimmung bei frühlingshaften Temperaturen ist super.